Glühbirne, Bücherstabel, Personen

Urteilsbildung im Dialog

Interdisziplinäre Tagung zu Fragen urteilssensiblen Unterrichts
Glühbirne, Bücherstabel, Personen
Illustration: pc.vector freepik

24. bis 26. September 2021 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Schulung der Urteilsfähigkeit, d.h. sich verstehend und kritisch in einer von pluralen Werten und Wertmaßstäben geprägten Welt orientieren zu können, ist ein zentrales Bildungsziel von Schule. Zu fragen ist, wie Unterricht didaktisch zu denken und methodisch anzulegen ist, um den Lernenden die Möglichkeit zu geben, eigenständige, souveräne und reflektierte Urteile fällen zu können. Deshalb laden wir dazu ein, sich über gegenwärtige und zukünftige Praktiken der Urteilsbildung im Unterricht aufs Neue zu verständigen.

Dabei erscheint uns eine interdisziplinäre Herangehensweise wichtig und lohnenswert: Aus der Perspektive unterschiedlicher Fachdidaktiken sowie aus der Doppelperspektive von Universität und schulischer Praxis soll anhand zentraler Problemfelder, theoretischer Konzeptionen sowie empirischer Befunde expliziert, konkretisiert und diskutiert werden, worin das besondere Bildungspotential urteilssensiblen Unterrichts besteht und mit welchen domänenspezifischen Anforderungen es korrespondiert.

Die Tagung wendet sich an Forschende aller Disziplinen, jedoch insbesondere der Fachdidaktiken der Ethik bzw. Philosophie, Geografie, Geschichte, Politik und Religion, sowie an Lehrende an Schulen und Fachseminaren. Neben theoretischen Konzeptionen, empirischen Befunden sowie pragmatisch-methodischen Unterrichtsvorschlägen werden auch „best-practice“-Beispiele aus der Unterrichtspraxis und der universitären fachdidaktischen Lehrerbildung vorgestellt. Die Beiträge der Tagung finden sowohl im Vortragsformat (25 Minuten Vortrag, 20 Minuten Diskussion) sowie als Workshop (90 Minuten) statt. Die Posterpräsentationen finden in Form eines Galerierundgangs am Samstagnachmittag statt. 

Die Tagung wird als Präsenzveranstaltung angestrebt. Sollte dies aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen bzgl. der Corona-Pandemie nicht möglich sein, wird die Tagung digital stattfinden. 

Programm zum Download: hier [pdf, 950 kb]

Hinweis

Diese Veranstaltung ist eine durch das ThILLM unter 5094-17-0969/21 anerkannte Fortbildung.

Freitag, 24. September 2021

Ab 12:30 Uhr | Ankommen und Check-In Inhalt einblenden

Wir begrüßen Sie herzlich zur Tagung „Urteilsbildung im Dialog“ im Foyer des Universitätshauptgebäudes (Fürstengraben 1, 07743). Bitte nutzen Sie den Haupteingang am Fürstengraben, um uns direkt zu finden.

13:30 Uhr | Begrüßung Inhalt einblenden

Nach ein paar einführenden Worten zur Tagung von den beiden Veranstalter Peter Starke und Joe Bornträger gesagt sind, startet das Tagungsprogramm mit der ersten Keynote.

13:45 Uhr | Keynote: Ur-teilen im Unterricht - Eine Bestandsaufnahme aus dem Blickwinkel von Universität und Schule Inhalt einblenden

Ur-teilen im Unterricht - Eine Bestandsaufnahme aus dem Blickwinkel von Universität und Schule
Prof. Dr. Anke John (Jena)

Mit der Einführung des Praxissemesters im Jenaer Modell der Lehrerbildung wurde grundsätzlich allen Lehrer/innen Aufgaben und Verantwortung in der Lehramtsausbildung zugesprochen, ohne dass eine Kooperation zwischen Praktikumsschulen und Universität systematisch ausgebildet wurde.

Diese Lücke versucht das Projekt „Ausbildung der Ausbilder“ zu schließen, das im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ gefördert wird und in dem gemeinsame Lösungen für das fachspezifische Unterrichtscoaching entwickelt werden. In den Fächern Geschichte, Sozialkunde und Ethik orientieren sich die beteiligten Fachdidaktiken dabei zuvorderst an dem Unterrichtsziel der Ausbildung von Urteilsfähigkeit. So werden zugleich fächerübergreifende bzw. geteilte Perspektiven sichtbar und fachliche Schwerpunkte in der Planung, Durchführung und Evaluation von schülerorientierten Lehr- und Lernprozessen gesetzt. Schüler*innen werden täglich mit einer Flut an widersprüchlichen Informationen konfrontiert. Sei es auf dem Schulhof, in der Familie oder in sozialen Netzwerken, so gut wie überall treffen Kinder und Jugendliche auch in der Geschichtskultur auf vorgefertigte Meinungen und versteckte und offensichtliche Meinungen. Dabei werden auch gegenwärtige Normen und Wertbezüge in ihrer Gewordenheit erfahrbar und mit Blick auf historische Erfahrungen ausgehandelt.

Der Vortrag thematisiert, wie historisches Urteilen im Geschichtsunterricht angeleitet werden kann und stellt im Anschluss an den geschichtsdidaktischen Forschungsstand Ergebnisse des Experimentierens mit neuen Formaten in der Jenaer Lehrerbildung vor.

 

John, Anke 2020: Historische Urteilsbildung. Wertewandel und Darstellungsfragen, in: Mirka Dickel, Anke John, Michael May, Katharina Muth, Laurenz Volkmann: Urteilspraxis und Wertmaßstäbe im Unterricht. Ethik, Englisch, Geografie, Geschichte, politische Bildung, Religion. Frankfurt/M., S. 100-124.

John, Anke 2016: Das Praxissemester in der Mitte des Geschichtslehrerstudiums nach dem Jenaer Modell. Wie lassen sich Theorieskepsis und Transferwiderstände geschichtsdidaktischen Denkens auflösen? In: GWU 67, H. 3/4, S. 178-189.

Hodel, Jan 2018: Sinnbildung, Erzählung, Medien. Triftigkeiten als Grundlage für die Beurteilung von Geschichtsunterricht. In: Sandkühler, Thomas u.a. (Hrsg.): Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert. Eine geschichtsdidaktische Standortbestimmung. Göttingen, S. 333-345.

15:15 Uhr | Vortragssession 1: Urteilen aus pädaogischer Perspektive Inhalt einblenden

Über das innere und das äußere Urteil
Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz (Jena)

In dem Vortrag wird die These entfaltet, dass es in einem, der Aufklärung verpflichteten Verständnis von Bildung ein spezifisches Verhältnis von innerem Urteil und äußerem Urteil gibt. Im ersten Fall ist das Urteilen insbesondere über das Bewusstmachen, Reflektieren und Verantworten eigener Vor-Urteile nach innen auf die autonome Steuerung von Lernprozessen gerichtet. Dies bildet die Grundlage dafür, sich Welt zuzuwenden und entsprechende Urteile zum Beispiel im Identifizieren oder Vergleichen von Menschen oder Dingen zu treffen. Auf dem Weg zu einem urteilssensiblen Unterricht käme es dann entscheidend darauf an, sich über eine Schulung der Selbst-Wahrnehmung und des Selbst-Bewusstseins der eigenen Positionalität und Perspektivität als Grundlage und Ausgangspunkt eigenen Denkens, Sprechens und Handelns zu vergewissern.

In der Auseinandersetzung mit den fachlichen vorgegebenen Inhalten spielt in dieser allgemeinpädagogischen Hinsicht das Anregungspotential für Impulse zur Selbstirritation eine wesentliche Rolle. Um dies auch theoretisch rahmen zu können, ist ein kritisch-operativer Bildungsbegriff im Anschluss an Immanuel Kant und Moses Mendelssohn bei gleichzeitiger relativer Abgrenzung von den bei Wilhelm von Humboldt zumindest angedachten Vorstellungen einer individuellen Selbstentfaltung bzw. Selbstverwirklichung sinnvoll. Dann wird das „Bildungspotential urteilssensiblen Unterrichts“ in einer Re-Formulierung der Aneignungsperspektive sichtbar, in der die Lernenden mit ihren je individuellen Urteilsstrukturen in den Mittelpunkt rücken.


Krise, Angst und Aktualität – Individuelle Urteilsbildung in der Demokratiepädagogik
Jun.-Prof. Dr. Sebastian Engelmann (Karlsruhe)

Krisendiagnosen sind allgegenwärtig. Sie fordern dazu heraus, einen Umgang mit ganz konkreten Krisensituationen zu entwickeln, der den Rahmen der bekannten Möglichkeiten überschreitet. In meinem Beitrag werde ich in einem ersten Schritt nachzeichnen, wie die Krise – als Oberbegriff für Narrative von Gefahr, Angriff und Angst – in der Demokratiepädagogik aktuell verhandelt und aufgeführt wird, um das vermeintliche Fundament der Urteilsbildung in diesem Feld herauszuarbeiten. In einem zweiten Schritt werde ich ausweisen, welche Angebote zur Unterstützung der Urteilsbildung als Perspektivwechsel und Konfrontation mit Alternativen im Denken und Handeln aus den verschiedenen Krisendiskussionen abgeleitet werden. In einem dritten Schritt werde ich die Ergebnisse zusammenführen und auf die Momente hinweisen, die in der demokratiepädagogischen Diskussion verunmöglichen, dass die Krise Urteilsbildung ermöglicht.

15:15 Uhr | Vortragssession 2: Urteilen über Räume Hinweg Inhalt einblenden

Geographieunterricht als Urteilsbildung
Georg Gudat (Jena)

In meinem Beitrag stelle ich die Frage, was es grundlegend bedeutet, im Geographieunterricht zu „urteilen“. In Bezugnahme auf die kritische Theorie Theodor W. Adornos diskutiere ich die Annahme, dass sich Geographieunterricht per se als Urteilsbildung verstehen lässt. Es wird argumentiert, dass die Fachspezifität des Geographieunterrichts nicht (allein) in der begründeten Auswahl des Gegenstandes, sondern vielmehr in der (spezifisch-geographischen) Weise der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand liegt. Diesbezüglich lässt sich aufweisen, dass es in einem Geographieunterricht, der in kritisch-theoretischer Perspektive als Urteilsbildung verstanden werden muss, gerade nicht zu einer konzeptionellen Vereinseitigung im „Rationalitätsparadigma“ kommt, sondern dass Urteilsbildung immer eine affektive bzw. leiblich-somatische Dimension hat, die es in didaktische Überlegungen einzubeziehen gilt. Mit Adorno lässt sich ein enger Zusammenhang von Kritik und Urteilsbildung konstatieren, der letztlich auf die ethische Dimension der Urteilsbildung verweist. Insgesamt lässt sich mein Grundlagenbeitrag als Gesprächsangebot über Geographieunterricht als Urteilsbildung verstehen sowie über die damit verbundenen didaktischen Implikationen.


Moralische Urteilsbildung im japanisch-deutschen Vergleich
Dr. Carina Pape (Hildesheim)

Ich diskutiere zwei Modelle bzw. Methoden für die Förderung selbstständiger und reflektierter Urteilsbildung, das rationalistisch-entwicklungspsychologische Modell moralischer Urteilskompetenz nach Piaget und Kohlberg und ein aus Japan stammendes kaum erforschtes Konzept, das mit der Praxis des hansei (反省) verbunden ist.

Die jeweiligen Kulturen unterscheiden sich durch die egozentrische bzw. allozentrische Bezugnahme der Verantwortungszuschreibung. Letztere findet sich explizit bereits bei Kant, der einen „Katechismus“ vorschlägt, der durch Kohlberg in der Methode der Dilemma-Diskussion weiterentwickelt wurde. Dabei urteilen die Kinder über das Verhalten anderer. Dieser Ansatz findet sich auf vielen Ebenen im pädagogischen Alltag, nicht nur im Philosophie- und Ethikunterricht (Dilemma-Methode), sondern bspw. auch in der Mobbing-Prävention. In Japan herrscht dagegen auch hier der egozentrische Ansatz mit dem Fokus auf der eigenen Person vor, wie die NHK-Kampagne Faces verdeutlicht. Anhand dieser konkreten Beispiele werde ich die unterschiedlichen Ansätze der (moralischen) Urteilsbildung vorstellen und ihre Vor- und Nachteile zur Diskussion stellen.

17:00 Uhr | Parallele Workshops Inhalt einblenden

Urteilen und Argumentieren über Beispiele und Narrationen
Dr. Mario Ziegler (Jena) | Dr. Falk Bornmüller (Chemnitz)

 Im Workshop wollen wir dem Verhältnis von Urteilen und Argumentieren auf die Spur kommen, indem wir gemeinsam ein exemplarisches Lehrstück durchführen und anschließend reflektieren. Wir gehen zunächst von der alltäglichen Beobachtung aus, dass wir beim Urteilen und Argumentieren häufig auf problemeröffnende Beispiele und exemplarische Narrationen Bezug nehmen, die dann auf eine bestimmte instruktive Weise den Ausgangspunkt unseres Denkens und Sprechens bilden. Damit Schülerinnen und Schüler im Ethik- und Philosophieunterricht etwas lernen können, ist es nötig, Beispiele und Narrationen so in Szene zu setzen, dass sie daran auch tatsächlich ihr Urteilsvermögen schärfen und verbessern können. Es ist also entscheidend, wie bzw. auf welche Art und Weise die Beispiele und Narrationen zur Darstellung und damit in einen ‚didaktischen Vollzug‘ gebracht werden, der sich für Lernende als ein dynamischer Urteilsbildungsprozess erschließen lässt. Unser Ziel ist auch, mit den Teilnehmerinnen ein Gespür für die Übergangsmomente von einer mündlichen in eine schriftliche Ausdrucksform zu entwickeln.


Erzählungen über Europa beurteilen – Konstruktion von Lernaufgaben für die historische Urteilsbildung
Prof. Dr. Bettina Degner | Dr. Mario Resch (Heidelberg)

In diesem Workshop soll die Konstruktion von Lernaufgaben zur historischen Urteilsbildung über ausgewählte Erzählungen über Europa thematisiert werden. Die Reflexion der Aufgabenkonstruktionen geht von Beispielen aus der Unterrichtspraxis aus und orientiert sich an aktuellen Frage nach dem europäischen Bewusstsein von Einheit, Eigenart und Identifikation. Dabei ermöglichen unterschiedliche nationale Perspektiven einen multiperspektivischen und kontroversen Zugriff auf das Themenfeld. Die Fähigkeit, geeignete Aufgaben zur Reflexion europäischer Selbstbilder formulieren zu können, setzt auf der Seite der Geschichtslehrpersonen ein fachspezifisches Aufgabenwissen voraus, das im Workshop aufgebaut, bzw. vertieft werden soll. Um die Phasen der Aufgabeneinführung, Bearbeitung und Reflexion im Workshop mitberücksichtigen zu können, wird der Einsatz der entwickelten Aufgaben mit Überlegungen zu einer übergreifenden Aufgabenkultur verbunden. Neben der Formulierung von fachspezifischen Aufgabentexten soll demnach auch das Inszenieren von Aufgabenkontexten sowie der Einsatz und die Auswahl von geeigneten Lernmaterialien zum Thema „Europa“ reflektiert werden.


YouTube im Geschichts-unterricht – den Informationswert von Erklärvideos beurteilen
Dr. Philipp Kratz (Frankfurt am Main)

Die Förderung der Fähigkeit, Informationen aus dem Internet kritisch zu beurteilen, ist ein zu Recht vielfach gefordertes Anliegen an Schule im Allgemeinen und den Geschichtsunterricht im Speziellen. Die Frage ist aber, wie kann diese Kompetenz unterrichtspragmatisch gefördert werden. Häufig erschöpfen sich entsprechende Bemühungen, in gutgemeinten, jedoch wenig effektiven Ratschlägen der Lehrkräfte („Seid kritisch, wenn ihr im Internet Informationen zur Geschichte findet.“) Im Workshop soll stattdessen am Beispiel einer in der Lehrkräftefortbildung eingesetzten Lernaufgabe nachgedacht werden, wie mit Hilfe der Methode des Vergleichs Schüler*innen selbstständig die Perspektivität von YouTube-Erklärvideos erkennen und den Informationswert kritisch einschätzen können. Denn nur wenn solche Lernvideos auch zum Unterrichtsgegenstand der Analyse und der Beurteilung gemachten werden, kann dem genannten Postulat entsprochen werden.

18:30 Uhr | Auswertung Workshops Inhalt einblenden

Wir möchten nach Abschluss der Workshop kurz die Ergebnisse der einzelnen Workshops zusammentragen und diskutieren. Anschließend verbleibt eine gute Stunde bis zum gemeinsamen Abendbrot in der Ratszeise (Markt 1, 07743 Jena). Die Zeit dazwischen lässt sich gut für den Check-In im Hotel oder einen kleinen Stadtbummel nutzen.

Samstag, 25. September 2021

9:00 Uhr | Keynote: Emotionalität und Urteilskraft – Eine epistemologische Spurensuche Inhalt einblenden

Emotionalität und Urteilskraft – Eine epistemologische Spurensuche
Dr. Hendrik Schröder (Bremen)

Dass sich Urteile an Rationalitätskriterien orientieren sollten, lässt sich leicht als eine weitverbreitete Haltung in Wissenschaft und Gesellschaft festhalten. Emotionalität und Emotionen werden im Rahmen von Urteilsprozessen hingegen weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Auf einen »Einstiegsmodus« verkürzt oder gar als »Störvariablen« verunglimpft, scheint ihre Legitimität in Urteilsprozessen mitunter fraglich. Zu recht oder unrecht? Für eine Antwort führt der Vortrag auf eine Spurensuche durch die westliche, sozialwissenschaftliche Theoriegeschichte, widmet sich neurowissenschaftlichen Erkenntnisständen und entwirft darauf aufbauend ein zeitgemäßes Verhältnis von Emotionalität und Urteilen.

10:30 Uhr | Vortragssession 1: Herausforderungen und Möglichkeiten historischer und politischer Urteilsbildung Inhalt einblenden

Von der Schwierigkeit, Geschichte zu beurteilen – Historische Urteilsbildung als didaktische Herausforderung
Dr. Christian Winklhöfer (Münster)

Historische Urteilsbildung ist grundlegend für das Fach Geschichte und curricular fest verankert. In der Unterrichtspraxis stehen Lehrkräfte und Lernende aber vor vielfältigen Herausforderungen, wenn historische Urteile gebildet, kommuniziert, diskutiert und bewertet werden sollen. Der Vortrag skizziert, worin diese Schwierigkeiten bestehen, woraus sie resultieren und wie man ihnen in der Praxis begegnen kann. Hierfür konturiert der Beitrag zunächst grundsätzliche Problemlagen, die sich aus der Epistemologie des Faches Geschichte ergeben, um so für die fachspezifischen Besonderheiten historischer Urteilsbildung zu sensibilisieren. Aufbauend auf diesen theoretischen Überlegungen skizziert der zweite Vortragsteil, welche Schwierigkeiten dadurch bei der Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht entstehen können. Am Ende diskutiert der Beitrag schließlich Vorschläge, wie Urteilsbildung nicht didaktische Herausforderung bleibt, sondern als Chance für das historische Lernen genutzt werden kann.


Urteile und Urteilsfähigkeit in Materialien der Politischen Bildung zu den Themen Nahostkonflikt und israelbezogener Antisemitismus
Kai Schubert (Gießen)

 Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus stellt eine komplexe und voraussetzungsvolle Aufgabe für politische Bildung dar. Als besonders heraus- bzw. überfordernd werden von Lehrer*innen regelmäßig der israelbezogene Antisemitismus und der Nahostkonflikt benannt. Didaktisch ist nicht hinreichend geklärt, inwiefern eine pädagogische Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt einen Beitrag zu Abbau und Prävention antisemitischer Einstellungen leisten kann.

Es soll gezeigt werden, auf welche Weise pädagogische Konzeptionen einschlägiger Bildungsmaterialien Dimensionen des Urteilens berücksichtigen bzw. Urteilsfähigkeit als Bildungsziel benennen und mit welchen Methoden diese gestärkt werden soll. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Urteile über den Nahostkonflikt häufig bereits unabhängig von einer Thematisierung im Unterricht vorhanden sind, nicht selten verknüpft mit antisemitischen Bildern. Pädagogische Thematisierungen des Nahostkonflikts sind dahingehend zu reflektieren, dass sie auch nicht-intendierte Effekte haben können, z.B. die Stärkung antisemitischer Deutungen. Von besonderem politikdidaktischem Interesse sind die im Material enthaltenen Annahmen über die Beziehung von Sach- und Werturteilen über den Nahostkonflikt.

10:30 Uhr | Vortragssession 2: Urteilen im digitalen Raum Inhalt einblenden

Politische Urteilsfähigkeit unter den Bedingungen der Digitalität: Memes und politische Urteile
Philipp Klingler (Marburg) | Alina Großmann (Oldenburg) 

Memes werden im Gegensatz zu Karikaturen im Unterricht nur selten eingesetzt, obwohl sie einen bedeutenden Beitrag zur Förderung von Kompetenzen im Zeitalter der Digitalität leisten können. In der Kultur der Digitalität (Stalder, 2019) stehen sie prototypisch für digitale Verfahren, die durch Referenzialität und Gemeinschaftlichkeit geprägt sind. Rezeption und Produktion von Memes können als „Verfahren des Sich-Einschreibens in die Welt […], um durch das eigene Handeln in der Welt Bedeutung zu schaffen und um sich selbst in ihr zu konstituieren“ (Stalder, 2019, S. 123) gelten. 

Memes erweitern die Formen politisch-gesellschaftlicher Partizipation (Shifman, 2014, S. 137). Zugleich verlangt ihre Analyse nicht nur Kenntnisse über das Medium, sondern gerade auch die Fähigkeit des politischen Urteilens. In Memes werden die Interdependenz und Emulsion von Sach- und Werturteilen besonders deutlich. Die skizzierten Herausforderungen für die politische Urteilsfähigkeit, die mit der Digitalisierung einhergehen (Juchler, 2020, 234 f.), können anhand von Memes exemplifiziert werden. 

Juchler, I. (2020): Urteilskompetenz. In S. Achour, M. Busch, P. Massing, & C. Meyer-Heidemann (Hrsg.): Wörterbuch Politikunterricht (S. 232-235). Wochenschau Verlag. 
Shifman, L. (2014). Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter. Suhrkamp. 
Stalder, F. (2019). Kultur der Digitalität (4. Aufl.) Suhrkamp. 


Historische Urteilsbildung in forschend-entdeckenden Lernprozessen im digitalen Medium
Alexandra Krebs (Paderborn)

Die digitale Lernplattform „App in die Geschichte“ soll Lernenden ermöglichen, selbstgewählte historische Fragestellungen anhand digitalisierter Archivalien und mithilfe verschiedener digitaler Tools zu erforschen, um so eigene Geschichten zu erzählen und darin zu eigenen historischen Urteilen zu gelangen. Im ersten Teil des Vortrags werden zunächst die theoretischen Grundlagen sowie das methodisch-didaktische Konzept der App erläutert. Der zweite Teil präsentiert zwei Fallbeispiele der empirischen Studie zur App-Nutzung, um daran aufzuzeigen, wie sich Prozesse der Urteilsbildung sowie deren Ergebnisse in der App erforschen lassen, und zugleich erste Erkenntnisse der Studie zur Diskussion zu stellen.

13:00 Uhr | Parallele Workshops Inhalt einblenden

Fakt oder Fake? Empirische Befunde und Anregungen zur Urteilsbildung im Geschichts- und Politikunterricht im vielbeschworenen, „postfaktischen Zeitalter“ am Beispiel eines videografierten Unterrichtssettings zu NS-Propaganda
Dr. Andrea Kolpatzik (Münster) | Hendrik Küpper (Berlin)

 Die Bedeutung von Urteilsfähigkeit ist aus geschichts- und politikdidaktischer Perspektive unstrittig. Doch die wenigen Befunde empirischer Unterrichtsforschung zu Urteilsbildung deuten auf pragmatische Probleme hin: So sind die Lernenden mit dem Prozess der historischen Erkenntnisgewinnung oftmals nicht hinreichend vertraut, können epistemisch nicht zwischen Quellen und Darstellung unterscheiden oder bilden Werturteile affirmativ statt reflektiert.

Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Defizite der Lernenden bei der Urteilsbildung im Geschichts- und Politikunterricht angesichts ‚alternativer Fakten’ und vermeintlich triftiger populistischer Argumentationsstrategien eher potenzieren als abbauen. Vor diesem Hintergrund möchte der Workshop aus geschichts- und politikdidaktischer Perspektive Strategien zur Diskussion stellen, wie kompetenzorientierter Geschichts- und Politikunterricht zum einen das Erkennen von Fakes News und populistischen Positionen und zum anderen die evidenzbasierte, reflektierte Urteilsbildung der Lernenden fördern kann. Besondere Bedeutung kommt hierbei dem Beutelsbacher Konsens zu.

Die Grundlage des Workshops ist eine von Geschichtslehrer*innen, Fachleiter*innen und universitären Geschichtsdidaktiker*innen für Schüler*innen eines Geschichte-Leistungskurses konzipierte, videografierte Unterrichtsreihe zu NS-Propaganda.


Ethisches Urteilen im tierethischen Bereich: Vor-Urteile, Werbelügen und andere Herausforderungen für eine reflektierte ethische Urteilsbildung am Beispiel von Schülervorstellungen und Schulbüchern – eine biologiedidaktische und religions-pädagogische Zusammenschau

Dr. Janine Annett Eichler (Sangerhausen) | Jun.-Prof. Dr. Nadine Alexandra Tramowsky  (Bamberg)

Zur Beurteilung tierethischer Fragestellungen im Alltag benötigen Lernende ethische
Urteilsfähigkeit. Als besondere Herausforderung sind dabei mediale und gesellschaftliche
Einflüsse zu nennen, da sie das ethische Urteilen zum Teil unbewusst beeinflussen.
Aufbauend auf fachdidaktischen Arbeiten zur Tierethik werden im Workshop zwei zentrale
Fragestellungen bearbeitetet:
1. Über welche Vorstellungen zur Tierethik verfügen Lernende und wie kann ethische
Urteilsfähigkeit gefördert werden?
2. Die zweite zu erörternde Frage ist: Wie gehen Religionslehrbücher mit gesellschaftlichen
und medialen Einflüssen zu tierethischen Themen um?Werden Methoden des ethischen
Urteilens wie Perspektivenwechsel und Modelllernen angemessen im Bereich
landwirtschaftlich genutzter Tiere verwendet und mit praktischen Vorschlägen verbunden?
Im Workshop soll nach der Vorstellung verschiedenster Einflussfaktoren und den
Vorstellungen von Lernenden eine Diskussion darüber angestoßen werden, wie
gesellschaftskritische Aspekte im Kontext der „Nutztierhaltung“ aufgegriffen werden können,
um Lernenden ein möglichst breites Spektrum an Deutungs- und Handlungsangeboten zu
liefern und ihre Vorstellungen zu erweitern - angesichts der eher einseitigen und
problematischen Deutungsangebote in Medien und Gesellschaft. In einem zweiten Schritt
soll Lernmaterial wie Schulbücher und Prospekte von Landwirtschaftsverbänden auf seine
Tauglichkeit geprüft werden, anhand der genannten unterschiedlichen Kriterien.


Urteilsentwicklung in der Sekundarstufe I im Ethik– und Philosophieunterricht
Laura Stadtmüller (Arnstadt) | Michael Stein (Bad Oldesloe) | Kim Kuizenga (Kiel)

Das problemorientierte eigenständige und gemeinsame Nachdenken über philosophische
Fragen, die in der Lebenswelt und den Erfahrungen der Schüler*innen verankert sind, steht im Zentrum des Philosophie- und Ethikunterrichts der Sekundarstufe I. Am Beispiel dreier Unterrichtseinheiten, die in den Jahrgangsstufen 5 (Freundschaft), 6 (Gerechtigkeit) und 10 (Utilitarismus) durchgeführt wurden, möchten wir verschiedene Ansätze zur Urteilsentwicklung zeigen. Dabei wollen wir zunächst einen kurzen Überblick über Rahmenbedingungen und Aufbau der jeweiligen Unterrichtseinheit geben, um zu verdeutlichen, wie der problemorientierte Urteilsbildungsprozess jeweils ausgestaltet wurde. Das Ziel des Workshops besteht dann darin, anhand ausgewählter Urteile der Schüler*innen, Urteilsbildung als Prozess von der intuitiven Positionierung bis zum eigenständigen kritischen Urteil nachzuvollziehen und zu reflektieren.
Ein offener Austausch bezüglich methodischer Herangehensweisen, Bewertungskriterien, der Rolle der Lehrkraft im Urteilsbildungsprozess und der Qualität der Unterrichtseinheit zur Urteilsförderung wird im Workshop ausdrücklich gewünscht.


Selbstwirksame Urteilsbildung mit Lernen durch Engagement
Romana Schneider (Stadtroda)

Im Workshop wird die Lehr- und Lernform Lernen durch Engagement mit Bezug auf aktive Urteilsbildung vorgestellt und diskutiert. Lernen durch Engagement ist eine Lehr- und Lernform, die gesellschaftliches Engagement mit fachlichem Lernen verbindet. Unter Einbeziehung unterrichtspraktischer Beispiele erarbeiten wir Möglichkeiten der Förderung demokratischer Kompetenzen durch die Öffnung des Lernraums Schule. Der Prozess der Urteilsbildung wird im konkreten schulischen Kontext anhand von Praxisbeispielen reflektiert.

14:45 Uhr | Posterpräsentationen Inhalt einblenden

Videozirkel – Videografie und Analyse des eigenen Unterrichts zur Förderung der politischen Urteilsformulierung
Annemarie Jordan, Prof. Dr. Sabine Achour (Berlin) 

Das Formulieren politischer Urteile ist eines der zentralen Anliegen der schulischen politischen Bildung. Diese Fähigkeit ist Teil der domänenspezifischen Urteils-, aber auch Handlungskompetenz. Häufig liegt der Fokus bei der Förderung im auf Urteilsmaßstäben (z.B. als Kategorien Legitimität und Effizienz sowie verschiedene Perspektiven nach Massing, 1997). Unterrichtsbeobachtungen z.B. anhand von Videographie verweisen allerdings deutlich darauf, dass die Qualität von Urteilen und deren unterrichtliche/ didaktische Förderung von weiteren Komponenten abhängt, die so weder in der Lehrkräftebildung noch Unterrichtsreflexion eindeutig berücksichtig werden: das Verwenden von Fachkonzepten, die Sprachverwendung mit dem Fokus auf die Argumentation, die Unterrichtskommunikation und die methodische Einbettung der Formulierung. Das Poster widmet sich einem entsprechend entwickelten Modell, anhand dessen das Wahrnehmen und Reflektieren dieser Komponenten mithilfe eines Indikatorenkatalogs bei angehenden Politiklehrer:innen gefördert wird, sowohl bei Studierenden mit fremden Unterrichtsvideos als auch bei Lehramtssanwärter:innen im Rahmen von Videozirkeln (eigener Unterricht).


Effekte (nicht-)diskursiver Strategien im Sozialkundeunterricht
Marion Hartenstein (Jena)

Im Kooperationsprojekt DEEDu zwischen der Universität Jena und den Studienseminaren Erfurt/Gera werden unterrichtliche Arrangements der Demokratiebildung für den Sozialkundeunterricht entwickelt und erprobt. Die Zielgruppe des Projekts sind Schülerinnen und Schüler (SuS) der 9. Klasse an Thüringer Regelschulen. Die zu erforschenden Unterrichtsreihen zielen auf politische Urteilsbildung – genauer auf die Fähigkeit zur Perspektivübernahme, die als wichtiger Bestandteil anzusehen und unabdingbar für einen erfolgreichen demokratiefreundlichen Diskurs ist. Im Projekt werden drei Unterrichtsstrategien erprobt, die sich im Grad der Diskursivität unterscheiden. Ziel ist die Beantwortung der Frage nach den Auswirkungen der jeweiligen Unterrichtsstrategie auf die Fähigkeit der SuS zur Perspektivübernahme. Ein besonderer Fokus liegt auf den Effekten der als komprehensiv bezeichneten Strategie. Sie verzichtet auf den offensiven kontroversen Diskurs. Stattdessen werden in einer defensiven Herangehensweise verschiedene Perspektiven ausgeleuchtet und in Beziehung zueinander gesetzt.


Videostudie zum Argumentieren und Urteilen im Politikunterricht
Lukas Brandt (Dortmund)

Das Argumentieren ist für politische Lernprozesse von besonderer Bedeutung (Gronostay, 2019). Es dient u.a. der Entwicklung kommunikativer politischer Handlungsfähigkeit und demokratischer Konfliktfähigkeit. In der politikdidaktischen Forschung besteht jedoch ein Forschungsdesiderat darin, ob und unter welchen Bedingungen diskussionsorientierte Methoden tatsächlich die politische Urteilsfähigkeit der SuS fördern. In der geplanten Videostudie soll herausgefunden werden, inwieweit sich Urteilskompetenz (Detjen, 2012) durch den Einsatz kooperativer und kompetitiver Diskussionsformate (Johnson, 2015) im Politikunterricht fördern lässt und wie sich der Einsatz einer Strukturierungshilfe auf diesen Prozess auswirkt. Um diese Fragestellung zu untersuchen, wird in mehreren Schulklassen dieselbe Lerneinheit mit unterschiedlicher Diskussionsmethode durchgeführt und per Video aufgezeichnet. Neben den Videodaten werden weitere Daten mittels Fragebögen und Arbeitsheften der SuS erhoben. Zusätzlich werden die mündlichen Argumentationen auch in Hinblick auf ihre Qualität kodiert. Die Auswertung der erhobenen Daten erfolgt quantitativ. Eine Pilotierung zur Erprobung der Lerneinheit und Erhebungsinstrumente erfolgt im Oktober 2021.

Literatur:
Detjen, J., Massing, P., Richter, D. & Weißeno, G. (2012). Politikkompetenz – ein Modell. Wiesbaden: Springer Fachmedien.
Gronostay, D. (2019). Argumentative Lehr-Lern-Prozesse im Politikunterricht. Eine Videostudie. Wiesbaden: Springer VS.
Johnson, D. W. (2015) Constructive Controversy. Theory, Research, Practice. Cambridge: Cambridge University Press.


Entwicklung und empirische Überprüfung eines Strukturmodells zur Urteilskompetenz im Kontext einer öffentlichen religiösen Bildung
Frederike Gabelt (Dortmund)

Entgegen der Säkularisierungsthese und dem Anstieg von Areligiosität in modernen Gesellschaften werden religiöse Themen in der Öffentlichkeit weiterhin breit und häufig kontrovers diskutiert. Aufgabe religiöser Bildung an Schulen ist es, eine Auseinandersetzung mit diesen Diskursen im Unterricht anzuleiten und zur Förderung der Urteilskompetenz beizutragen. Bisher ist innerhalb der Religionsdidaktik jedoch ungeklärt, was unter Urteilskompetenz mit Bezug auf öffentliche, religions-politische Konflikte verstanden wird. Angesichts der sich im Bildungssystem etablierten Kompetenzorientierung bedarf es einer solchen fachspezifischen Klärung dieser Kompetenzstruktur. Mit dem Dissertationsprojekt „Entwicklung und empirische Überprüfung eines Strukturmodells zur Urteilskompetenz im Kontext einer öffentlichen religiösen Bildung“ soll diese Forschungslücke geschlossen werden. Im theoretischen Kompetenzstrukturmodell werden die Teilkompetenzen der Urteilskompetenz angesichts von religionspolitischen Anforderungssituationen konzeptualisiert. Die Konzeption passender Variablen erfolgt durch einen Vergleich von Kompetenzmodellen aus unterschiedlichen Fachdidaktiken, wie dem Oldenburger Modell ethischer Urteilskompetenz und dem Modell politischer Urteilskompetenz von Manzel/Weißeno (2017).

15:45 Uhr | Vortragssession 3: Sozialformen und ihr Potential für die Urteilsbildung Inhalt einblenden

Urteile über Politik oder politisches Urteilen? Über eine Notwendigkeit des Diskursiven beim Urteilen im Politik-unterricht
Dr. Luisa Girnus (Potsdam)

Während Urteile über Politik als ein Aspekt der sozialwissenschaftlichen Analysefähigkeit vielfältig im Politikunterricht kompetenzorientiert gefördert werden (können), sind wertorientierte Urteile mit subjektivem Bezug als politische Urteile wesentlich schwieriger zu formalisieren und als Lernprozess sichtbar zu machen. Der Beitrag argumentiert diesbezüglich, dass es grundsätzlich diskursiver Unterrichtsformate bedarf, wenn ein Ausbau von Urteilsfähigkeit, die einen wertenden und politisch legitimierenden Charakter hat, angestrebt wird. Diskursive Formate stellen allerdings besondere Herausforderungen an Lehrpersonen. Der Beitrag eruiert diesbezüglich, welche Maßnahmen und Modelle Lehrpersonen dabei unterstützen können, eine benötigte Ad hoc-Diagnosekompetenz und Reflexivität für diskursive Formate zu stärken und auszubauen.


Urteilsbildung und Sozialformen – eine relevante Lücke der Geschichtsdidaktik
Dr. Daniel Münch (Jena)

Urteilsbildung ist mit zahlreichen geschichtsdidaktischen Konzepten wie Geschichtsbewusstsein, Problemorientierung und Narrativität verknüpft und wird auch empirisch erforscht, oft anhand von Schüler*innen-Texten. Dabei erscheint Urteilsbildung zumindest implizit als rein individueller Prozess, während die Rolle von Kommunikation zwischen Lernenden oft ausgeblendet wird. Allgemein zeigt sich ein Desinteresse der Geschichtsdidaktik an Sozialformen und dem damit verbundenen Verhältnis von Individualisierung und Kooperation beim historischen Lernen. Andere Fachdidaktiken berücksichtigen dies durchaus und in der Praxis ist eine Festlegung der Sozialformen ohnehin unvermeidlich.

Im Vortrag soll die Lücke "Individualisierung und Kooperation" bzw. "Sozialformen" in der Geschichtsdidaktik mit Blick auf Urteilsbildung vermessen und diskutiert werden. Wo liegen ihre Hintergründe? Inwiefern lohnt sich die Beschäftigung mit ihr und welches Potential liegt hierin, um die Urteilsbildung im Unterricht zu fördern?

15:45 Uhr | Vortragssession 4: Urteilskraft fördern und Urteile diagnostizieren Inhalt einblenden

„So kann das Leben auch aussehen“ – Der Beitrag narrativer Texte für die Förderung der ethischen Urteilskompetenz
Prof. Dr. Linda Merkel (Potsdam)

Der Beitrag argumentiert für die Arbeit mit narrativen Texten als ein Leitmedium des urteilssensiblen Unterrichts, um unter Berücksichtigung der emotional-kognitiven Dimension von Urteilsbildungsprozessen ethische Urteilskompetenzen zu fördern.

Insbesondere der Ethik- und Philosophieunterricht soll Schüler:innen dazu befähigen, informierte Urteile zu ethischen Problemstellungen zu entwickeln. Dieser Prozess lässt sich unter dem Begriff der ethischen Problemreflexion subsumieren und erfolgt in drei Schritten: der Erfassung, Bearbeitung und Verortung ethischer Problemstellungen. Die Arbeit mit fiktiven narrativen Texten kann einen wertvollen Beitrag zu jedem dieser drei Schritte leisten. Erstens ermöglicht die Arbeit mit narrativen Texten die Wahrnehmung ethisch relevanter Fragestellungen. Zweitens eignen sie sich für die vertiefende Analyse der aufgeworfenen Fragestellungen, indem die Leser:innen fremde Perspektiven emotional und kognitiv nachvollziehen und dabei eine produktive Position zwischen Involvierung und Distanz einnehmen. Drittens bieten sie einen Schutzraum, innerhalb dessen Schüler:innen selbst entscheiden, ob sie zu einer Problemfrage hypothetisch oder offen und persönlich Stellung beziehen.

Die Arbeit mit narrativen Texten stößt durch deren potenziell manipulative Wirkung an Grenzen, die im Unterricht didaktisch aufgefangen werden müssen.


Wie lässt sich „Urteilsdiagnosekompetenz“ in der Politiklehrer*innenbildung systematisch schulen? Erste empirische Ergebnisse einer didaktischen Intervention im Masterstudium
Prof. Dr. Florian Weber-Stein (Ludwigsburg) | Dr. Martin Kenner (Stuttgart) |
Judith Baatz (Stuttgart)

Die Formulierung elaborierter politischer Urteile gilt als anspruchsvoll und setzt einen Lernprozess voraus, in dem Lernende dazu angeregt werden, ihre Urteile differenziert zu begründen. Um die Entwicklung von Urteilskompetenz zu fördern, müssen Lehrende in der Lage sein, auf den Lernstand abgestimmte Anregungen zu geben. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, die Niveaus der Schüler*innenurteile fachdidaktisch zu diagnostizieren.

Vor diesem Hintergrund zielt unser Ansatz darauf ab, die Kompetenz der Diagnose von politischen Schüler*innenurteilen bei Lehramtsstudierenden der Politikwissenschaft zu fördern. Kernelement ist eine Analysematrix, die das Konstrukt Urteilsfähigkeit auf eine auch in der Unterrichtspraxis handhabbare Anzahl von Aspekten reduziert. Der Beitrag geht darauf ein, inwiefern die Analysematrix als Instrument gängigen Gütekriterien entspricht und im Rahmen einer Intervention tatsächlich zur Förderung der Fähigkeit, politische Urteile systematisch zu analysieren, beitragen kann.

17:30 Uhr I Auswertung Workshops Inhalt einblenden

Wir möchten nach Abschluss der Workshop kurz die Ergebnisse der einzelnen Workshops zusammentragen und diskutieren. Direkt im Anschluss werden wir gemeinsam Abendessen gehen (Ort wird noch bekannt gegeben).

Sonntag: 26. September 2021

9:00 Uhr | Keynote: Reichweite und Grenzen der Kontroversität in der ethisch-politischen Urteilsbildung Inhalt einblenden

Reichweite und Grenzen der Kontroversität in der ethisch-politischen Urteilsbildung
Prof. Dr. Christian Thein (Münster)

Der Einfluss populistischer Diskurse auf die öffentliche Meinungsbildung macht nicht vor den Türen der Klassen- und Kursräume halt. Gerade im urteilsbildend ausgerichteten Fachunterricht können Debatten und Diskussionen zu aktuellen ethischen, sozialen und politischen Fragen durch aus dem populistischen Spektrum bekannte Meinungsäußerungen von Schülerinnen und Schülern das übergreifende didaktische Kontroversitätsideal herausfordern: Wie weit reicht die Kontroversität dessen, was offen im schulischen Fachunterricht diskutiert werden soll, muss und darf, und wann und wo sind Grenzen zu ziehen? Dies betrifft insbesondere Fragen des fachlichen, didaktischen und pädagogischen Umgangs mit diskriminierenden, demokratiefeindlichen und verschwörungsideologischen Positionen, die ins Unterrichtsgespräch eingebracht werden könnten. Der Vortrag möchte dieser akuten Problemstellung für das unterrichtliche Handeln vor dem Hintergrund einer semantischen und didaktischen Klärung und Problematisierung des unterrichtspraktisch relevanten Kontroversitätsbegriffs nachgehen.

10:30 Uhr | Vortragssession 1: Konflikt und Kontroverse Inhalt einblenden

Skepsis und Urteilsbildung im Angesicht epistemischer Ungewissheiten und politischer Kontroversen
Prof. Dr. Ingo Juchler (Potsdam)

Wie kann im Unterricht mit Vielheit, Verschiedenheit und Polarisierungen, die oftmals mit scheinbar unversöhnlichen politisch-weltanschaulichen Wahrheitsansprüchen einhergehen, umgegangen werden? Welche Möglichkeiten können unterrichtlich eröffnet werden, um die Befangenheit im je eigenen Denken, Meinen und Urteilen zu überwinden? Wodurch sollte sich ein Urteil auszeichnen, das angesichts epistemischer Ungewissheiten und der Vielheit von Auffassungen in der pluralen Gesellschaft gerecht zu werden sucht?

In dem Beitrag wird eine skeptische Denkungsart vorgestellt, auf deren Grundlage diesen Herausforderungen nachgegangen werden kann. Ausgangspunkt bilden dabei nicht Erkenntnis-, sondern Fragehaltungen. Die Schülerinnen und Schüler lernen die rigiden politischen Positionen und das vorgeblich apodiktische Wissen verschiedener Parteiungen in Frage zu stellen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Zu dieser Reflexion gehört auch die Bewusstwerdung der eigenen Grenzen des Wissens sowie die Hinterfragung der eigenen Position. Dies kann davor bewahren, nur diejenigen Meinungen anderer bei der Reflektion des Gegenstandes zu berücksichtigen, die mit der eigenen Auffassung konform gehen und somit durch Vermeidung kognitiver Dissonanz in der eigenen Meinungsblase zu verharren. Dagegen kann eine skeptische Haltung verhindern, wichtige Fakten für den eigenen Erkenntnisprozess auszuschließen und letztlich einem Dogma zu verfallen.


Mit Sicherheit kontrovers oder kontroverse Verunsicherung? Über die Gestaltung agonaler Arenen im Klassenzimmer
Ilka Maria Hameister (Jena)

Die Äußerung von Urteilen findet nicht im luftleeren Raum statt: Die Bereitschaft zur Artikulation, die Art und Weise der Artikulation und nicht zuletzt die Authentizität des Urteils durch den Urteilenden wird beeinflusst durch die Gestaltung der Bedingungen der Umgebung, in der diese stattfinden (können). Dieses Bedingungsgefüge gewinnt insbesondere dann an Bedeutung, wenn der Urteilsgegenstand für die Beteiligten kontrovers aufgeladen ist. Die Forderung nach Offenheit für bzw. Implementierung von „agonalen Räumen“ stellt eine kontaktorientierte Variante des „brave space“ Verständnis pädagogischer Räume dar, die sich von Forderungen nach „safe spaces“ abgrenzt. Der Vortrag führt durch einen Konzeptionierungsvorschlag zur Gestaltung ‚agonaler Arenen‘ in Schulen und reflektiert ihr Bedeutungspotential für die Ergänzung der modernen rationalen Urteilsbildungsperspektive in der Politikdidaktik, um einen postmodernen subjektorientierten Zugang. Das Ermöglichen von agonalen Arenen kann die Urteilsbildung ergänzen, sofern SchülerInnen und LehrerInnen bereit sind, die mit der notwendigen Durchlässigkeit einhergehenden Risiken in den Konfrontationserlebnissen einzugehen, so die These des Vortrags.

10:30 Uhr | Vortragssession 2: Prä-Konzepte als Schlüssel zu einer gelingenden Urteilsbildung? Inhalt einblenden

Schüler*innenkonzepte ordnungspolitischer Gestaltung aus Perspektive der Urteilsbildung – Befunde eines Mixed-Methods-Projekts
Prof. Dr. Franziska Birke (Freiburg) | Prof. Dr. Andreas Lutter (Kiel) | Jun.-Prof. Dr. Tim Kaiser (Koblenz-Landau) | René Buschong (Koblenz-Landau)

Abwägen, Bewerten und Entscheiden können im Schnittfeld von ökonomischer und politischer Bildung als zentrale Determinanten der Urteilsfähigkeit von Wirtschaftsbürger*innen betrachtet werden. Allerdings stellen empirische Untersuchungen in diesem Zusammenhang – bis auf wenige Ausnahmen – ein Forschungsdesiderat dar. Insbesondere wird die Bedeutung von Bedingungsfaktoren des Urteilens, wie beispielsweise Präkonzepten, fachlichen und situativen Kontexten bislang selten empirisch untersucht. An diesem Punkt setzt der Vortrag an. Am Beispiel von staatlichen Eingriffen in den Wettbewerbsmechanismus werden urteilsrelevante Schüler*innenkonzepte vorgestellt und fachdidaktisch eingeordnet. Dabei erfolgt zunächst die Einführung in das methodische Verfahren einer mehrstufig angelegten Untersuchung zur ordnungspolitischen Bewertungs- und Entscheidungsfähigkeit von Schüler*innen (phänomenographisch-explorative Pilotstudie in Verbindung mit einem faktoriellen Survey-Experiment), bevor zentrale Befunde dargestellt und Perspektiven einer aktuell laufenden Interventionsstudie zur Lernwirksamkeit von evidenzbasierten Unterrichtsmaterialien (cluster-randomisiertes Feldexperiment) diskutiert werden. Es interessiert vor allem, wie urteilssensible Anforderungen und empirische Ergebnisse einerseits domänenspezifisch, andererseits interdisziplinär für die Potenziale des Bildungsziels Urteilsbildung eingeordnet werden können.


Was heißt: ein Präkonzept verstehen?
Nils Höppner (Münster)

Im philosophiedidaktischen Diskurs besteht ein theorieübergreifender Konsens darüber, dass den Alltagsvorstellungen und Vorannahmen der Lernenden, ihren Präkonzepten, eine elementare Rolle und Funktion für die unterrichtspraktische Planung, Gestaltung und Durchführung eines fachlichen Lehr-Lern-Prozesses zukommt. In meinem Vortrag gehe ich der Frage nach, was es heißt, ein Präkonzept zu verstehen? Mein Anspruch besteht darin, die Interpretationspraxis und Verstehensleistungen des Lehrenden als Konstituierungsbedingungen der Präkonzepte der Lernenden auszuweisen. Im Hinblick darauf möchte ich dafür argumentieren, die Explikationsreihenfolge in der theoretischen Arbeit mit Präkonzepten umzudrehen: Anstatt vorrangig und zunächst den Begriff der Bedeutung philosophischer Präkonzepte zu analysieren, gilt es vielmehr vorrangig und zunächst den Begriff des Verstehens (der Bedeutung) philosophischer Präkonzepte zu explizieren.

12:15 Uhr | Parallele Vorträge Inhalt einblenden

Die didaktischen Potentiale der Unterscheidung von bestimmender und reflektierender Urteilskraft: Urteilen im Anschluss an Hannah Arendt
Peter Starke (Jena)


Das politische Urteil vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Mathematisierung
Bastian Vajen (Hannover) | Lara Gildehaus (Paderborn)

Gesellschaftliche Probleme und deren Bearbeitung sind als Gegenstand der Politik zugleich auch Gegenstand der politischen Bildung (Goll 2014). Die steigende Komplexität moderner Gesellschaft führt jedoch zu einer steigenden Komplexität der Probleme und möglicher Lösungen und zu neuen Herausforderungen für den politischen Entscheidungsprozess (Triantafillou 2020). Eine Folge ist hierbei eine stärkere Mathematisierung der Gesellschaft, die nicht nur zu neuen Formen der Informationen, die unseren Entscheidungsprozess beeinflussen, führt, sondern auch die grundlegenden Bedingungen unseres Handelns reorganisieren (Straehler-Pohl 2017). In einer komplexeren Welt, deren Zusammenhänge wir uns oft nur mathematisch erschließen können, kann die für ein autonomes Urteil notwendige Befähigung zur Analyse komplexer gesellschaftlicher Probleme nicht allein Aufgabe der Politikdidaktik sein; es Bedarf interdisziplinärer Ansätze (Vajen et al. 2021 [i.E.]). Eine Verbindung mathematikdidaktischer und politikdidaktischer Perspektiven kann hier eine Vernetzung disziplinärer Wissensbestände und Urteilskompetenz bei komplexen gesellschaftlichen Problemen erreichen. Im Rahmen dieses Vortrags sollen diese Potenziale vorgestellt und unterrichtspraktische Umsetzungen diskutiert werden.

13:00 Uhr I Auswertung und Abschluss Inhalt einblenden

Am Ende der letztes beiden Vorträge der Tagung finden sich alle TeilnehmerInnen in der Aula zusammen, um in einem Abschlussgespräch über die vergangenen drei Tage ins Gespräch zu kommen.

Hotelkontingente in Jena

Bezüglich der Unterbringung haben wir in folgenden Hotels Reservierungen vorgenommen, die Sie abrufen können, indem Sie "Tagung Urteilsbildung" bei der Buchung angeben:

B&B Hotel Jena - Einzelzimmer ab 61€/Nacht.

Hotel Vielharmonie - Einzelzimmer ab 60€/Nacht.

Scala Hotel Jena - Einzelzimmer ab 99€/Nacht.

Hotel Schwarzer Bär - Einzelzimmer ab 90€/Nacht. 

Alle Hotels sind fußläufig zum voraussichtlichen Tagungsort (Fürstengraben 1, Friedrich-Schiller-Universität Jena). Die Übernachtungskosten bzw. Reisekosten generell können wir leider nicht übernehmen. Bitte beachten Sie die Stonierungsbedingungen der Hotels für den Fall, dass die Tagung digital stattfinden muss. Wir sind zwar optimistisch, dass die Tagung in Präsenz stattfinden kann, können dies jedoch nicht garantieren.

Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung
Peter Starke
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Telefon
+49 3641 9-401735
Raum D403
Semmelweisstraße 12
07743 Jena
Diese Seite teilen
Die Uni Jena in den sozialen Medien:
Ausgezeichnet studieren:
Zurück zum Seitenanfang