Alte Schultafel.

Wozu ist Schule da?

Pädagogen stellen in neuem Buch das System Schule auf den Prüfstand
Alte Schultafel.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
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Meldung vom: 11. März 2020, 07:45 Uhr | Verfasser/in: Sebastian Hollstein | Zur Original-Meldung

Cover des neuen Buchs Cover des neuen Buchs "System Schule auf dem Prüfstand". Foto: Verlag

Während in manchen Ländern „nur“ eine Unterrichtspflicht besteht, set­zen andere Staaten wie Deutschland bei der Bildung von Kindern und Jugendlichen auf die gesetzliche Bestimmung, die öffentlich anerkannte Institution Schule zu besuchen. Ange­sichts dieser Festlegung ist es überraschend, dass zwar anlässlich neuer Studienergeb­nisse, Leistungsabfragen und Auseinandersetzungen um politische Zuständigkeiten regel­mäßig über Schule diskutiert wird, das System als Ganzes aber eher selten hinterfragt wird. Pädagoginnen und Pädagogen der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben in dem neuen Buch „System Schule auf dem Prüfstand“ genau das getan. In ihren Beiträgen ana­ly­sieren sie unterschiedliche Bedeutungsdimensionen der Einrichtung, durchleuchten schein­bare Selbstverständlichkeiten und gehen der Frage nach: Wozu ist Schule eigentlich da?

Schülerinnen und Schüler sollen zur Gesellschaft passen

Die Institution Schule hat auf den ersten Blick vor allem ein Ziel: Schülerinnen und Schüler sollen am Ende ihrer schulischen Laufbahn zur Gesellschaft passen“, sagt Ralf Koerrenz von der Universität Jena, der gemeinsam mit seinem Kollegen Nils Berkemeyer das Buch herausgegeben hat. „Qualifikation etwa stattet sie mit berufsorientierten Kompetenzen aus, durch die sie die Gesellschaft ökonomisch weiterentwickeln können. Gleichfalls er­halten Schülerinnen und Schüler in der Schule das Rüstzeug, um sich in die Kultur zu inte­grieren, die sie umgibt.“ Dementsprechend kümmerten sich viele gegenwärtige Diskussio­nen in diesem Bereich vor allem darum, wie einzelne Funktionen besser ausgefüllt werden können. So ruft die deutsche Wirtschaft beispielsweise aufgrund des Fachkräftemangels nach einer Stärkung der sogenannten MINT-Fächer in der Schule.

Gerechtigkeit als Maßstab

Doch statt nur an einigen Stellschrauben zu drehen, regen die Beiträge dieses Bandes da­zu an, die Institution als Ganzes als veränderbar wahrzunehmen. „Schule ist Teil eines ge­sellschaftlichen Systems, in dem die Ansprüche der Individuen auf Bildung und Wohlerge­hen mit dem staatlichen Anspruch, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu reproduzieren und in Reformperspektiven zu verändern, in eine praktische Balance zu bringen sind“, sagt Koerrenz. Die Institution als solche sei dabei grundsätzlich konservativ, das bedeute aber nicht, dass sie als System nicht Möglichkeiten für Alternativen biete.

Nils Berkemeyer ist wichtig, dass bei allem Potenzial zur Veränderung aber eines gewähr­leistet sein müsse: Schule in der Demokratie habe Chancengleichheit für jedes Kind zu ge­währleisten und dürfe nicht etwa noch zu einer Verstärkung sozialer Ungleichheiten bei­tra­gen. „Gerechtigkeit muss der zentrale Referenzpunkt in der Diskussion um Schule und ihre Position in und zur Gesellschaft sein“, betont der Pädagoge von der Universität Jena.

„Bildung: Demokratie“

Aus diesem Grund interpretiert beispielsweise ein anderer Beitrag den Trend hin zu mehr privaten Schulen, besonders im Grundschulbereich, als Beispiel, wie soziale Spaltung im Bildungsbereich sogar noch gefördert werde. Andere Autorinnen und Autoren greifen bei der Analyse von Veränderungspotenzial Ideen berühmter Schultheoretiker, etwa Johann Friedrich Herbart, auf, stellen modellhafte Schulprojekte vor und berichten von praktischen internationalen Erfahrungen. Hazel Slinn etwa arbeitete, bevor sie an die Friedrich-Schiller-Universität kam, als Pädagogin unter anderem im Kosovo und in Polen und war dort an Wandlungsprozessen im Bildungsbereich beteiligt.

Das Buch markiert zudem den Auftakt der neuen Reihe „Bildung: Demokratie“. Mit ihr wen­den sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Professionalisierung von Anfang an im Jenaer Modell für Lehrerbil­dung“ – der Schule als Institution innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zu. In dem vorliegenden und weiteren Bänden wollen die Jenaer Pädagoginnen und Pädagogen dis­kutieren, wie Bildungsprozesse die Demokratie beeinflussen und welche Räume und Chan­cen im Umkehrschluss die Demokratie der Bildung und damit zusammenhängenden Institutionen eröffnet. 

Bibliografische Angaben:

Ralf Koerrenz, Nils Berkemeyer (Hg.): System Schule auf dem Prüfstand, Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2020, 228 Seiten, Preis: 29,95 Euro, ISBN 978-3-7799-3971-9 

Kontakt:

Ralf Koerrenz, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-45331
Fax
+49 3641 9-45332
Raum 221
Am Planetarium 4
07743 Jena
Nils Berkemeyer, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-45361
Fax
+49 3641 9-45362
Raum E001B
Fürstengraben 11
07743 Jena
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